Inverness

Vielleicht ist Inverness nur eine langweilige Stadt, eine Kleinstadt ja nur, wenn auch die größte im Norden Schottlands, aber wenn man nach langen Tagen in der Leere der schottischen Highlands dort ankommt (und wie sonst sollte es einen nach Inverness verschlagen?), ist jede Stadt eine gleichsam lebensrettende Atempause.

Es ist eine typische Stadt am Fluß, der Ness ist allgegenwärtig und breit, nicht weit von hier mündet er ins Meer, was auch der Stadt den Namen gab. Das Stadtzentrum beginnt an seinem westlichen Ufer mit einem großen Kulturzentrum, ein nicht ganz uninteressantes Amalgam modischer Architektenarchitekturen, einmal aus den Siebzigern, Achtzigern für den Theaterbau, einmal aus jüngster Zeit für den Kinobau. Von der Uferpromenade aus überspannt eine hinreißend schöne Fußgängerbrücke den Fluß, eine Hängebrücke, die von je zwei quadratischen, sich nach oben leicht verjüngenden Pfeilern getragen wird. Diese Pfeiler aber sind nicht massiv, sondern bestehen nur aus einer hohlen offenen Konstruktion aus dünnen weißgetünchten Eisenstreben, so daß sie äußerst filigran wirken, gerade so, als könnten sie die leicht schwankende Brücke unmöglich tragen.

BrückeInverness

Für Großbritannien mag ein solches ingenieuertechnisches Meisterwerk gar nichts Besonderes sein, aber in Deutschland und anderswo, man will unwillkürlich schreiben: auf dem Kontinent, sieht man dergleichen selten. Und die Vorstellung, daß um 1880 im wilhelminischen Deutschland eine so dezente Brücke, die ihre Schönheit einzig aus der Konstruktion zieht und bar aller historistischen Schnörkel ist, hätte gebaut werden können, ist auch mehr als abwegig.

Etwas weiter, bei der großen Autobrücke, ist eine Front viktorianischer Hotelgebäude. Nach der Brücke wendet sich dem Fluß niedrigere viktorianische Bebauung zu, darunter auffallend viele kirchenartige Gebäude, von denen mindestens eines aber vielmehr der Firmensitz eines Bestattungsinstituts ist. Hier spannt sich eine zweite Fußgängerbrücke über den Fluß, die exakt baugleich mit der ersten ist, aber in allen Dimensionen etwas größer und laut Plakette auch von einem anderen Eisenwerk errichtet. Wäre eine einzelne solche Brücke ein Kleinod gewesen, so schafft diese Doppelung ein städtebauliches Element, das auch zum Wahrzeichen der Stadt taugt.

Geht man hinüber zum östlichen Ufer kommt man bald auf die Church Street, die mit einer alten Kirche beginnt und sich dann parallel zum Fluß, aber abgewandt von ihm, nach Süden erstreckt. Hier kann man, so man will, anhand ein paar alter Häuser noch Spuren des vorviktorianischen Inverness finden. Bei der Kreuzung mit der von der Brücke kommenden Straße, der Bridge Street, dann das innerste Zentrum der Stadt. An einer Ecke ein Kirchturm ohne Schiff, der also vielleicht Turm des Rathauses auf der anderen Straßenseite ist, einem großen viktorianischen Baus mit prunkvollem Saal im Obergeschoß. Aber wichtiger als die viktorianischen Anteile ist hier die Bebauung aus den Sechzigern, Siebzigern. Sie beginnt mit einem sechsgeschossigen Hotel an der Church Street, das eine Seite dieser, die zweite aber dem Fluß zuwendet, wobei ein vorgesetzter flacher Restauranttrakt die überkommene Stadtstruktur etwas auflöst. Südlich der Bridge Street, auf leicht abschüssigem Gelände zwischen Rathaus und Fluß, erstreckt sich ein großer Gebäudekomplex. Im Erdgeschoß Läden, darüber eine Terrassenebene, auf der sich drei dreigeschossige Quertrakte erheben.

CastleTerrasse

Der erste von diesen hat wenige Fenster, da er das Museum der Stadt beherbergt, auf dem blanken Beton seiner Schmalseite ist das Wappen der Stadt, das sehr britisch einen Elefanten und ein Kamel zeigt.

WappenInverness

In den anderen beiden Trakten sind Büros. Am Ende der Terrasse, zum Fluß hin, wölbt sich ein halbrund vorgesetzter Raum mit großer Fensterfront, in dem heute ein indisches Restaurant ist. Möglich, daß früher in dem Bereich an der Bridge Street, dem das Hotel und der Terrassenbau einen Rahmen geben, ein Platz war. Heute jedenfalls existiert er nicht mehr. Aber diese beiden Gebäude künden doch noch immer vom zaghaften Bemühen von Inverness, mehr als eine schottische Provinzstadt zu sein.

Geht man die Bridge Street nach Osten weiter, kommt man in die High Street, eine Fußgängerzone, mit ihren teils melancholisch unkrautbewachsenen viktorianischen Gebäuden, die in einem riesigen Einkaufszentrum endet. Hübsch ist hier das Nebeneinander eines viktorianischen Baus mit hoher Tempelfassade und eines Baus aus den Fünfzigern, dessen Fassade von einem Rahmen und kleinen türkisen Kacheln und vertikalen Streben zwischen den Fenstern bestimmt ist, ein subtiles Zitat des älteren Baus.

BridgeStreet

Und schließlich ist da hinter dem Terrassenbau auf einem Hügelchen am Fluß das sogenannte Schloß, das eigentlich ein viktorianischer Gerichtsbaus aus rotem Sandstein ist. Von hier, neben neben dem Denkmal für Flora MacDonald, der volkstümlichen Geliebten des letzten katholischen Prätendenten um den schottischen Thron, hat man die schönsten Blicke über die Stadt.

Viel mehr als das Zentrum hat sie allerdings nicht zu bieten. Stadtauswärts am Fluß Sportanlagen, und ein großer Park, der auch einige Inseln einbezieht. Im Südwesten ein Hügel mit ausgedehntem Friedhof. Und ansonsten bloß noch endlose typisch britische Vorstadtbebauung mit ihren terraces, semi-detached houses und houses. Damit entspricht die Lage des Zentrums innerhalb der suburbanen Einöde der Lage von Inverness in der Einöde, die die schottischen Highlands seit langem sind.

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