Lusthaus

Ganz am Ende der vielen Kilometer langen Hauptallee des Wiener Praters steht das Lusthaus. Auf dem Weg dorthin hat man bereits eine Autobahn- und eine Eisenbahnbrücke unterquert und erwartet kaum noch, überhaupt etwas zu finden.

Lusthaus

Das Lusthaus scheint auch zu wissen, daß jede Bemühung um Monumentalität oder auch nur Repräsentation am Ende einer so langen Achse sinnlos wäre, da keine Architektur sich zu ihr in ein passendes Maß setzen könnte. So ist das 1782 vollendete Gebäude frei, zierlich und schlicht zu sein. Sein Zeltdach mit großer verglaster Laterne wird an seinen acht Ecken von runden Stützen getragen. Hinter diesen zurückgesetzt sind zwei hohe Geschosse, die sich mit hohen rechteckigen Türen und Fenstern nach außen öffnen, das untere zu einer etwa ebenerdigen Terrasse, das obere zu einem umlaufenden Balkon. Nach hinten, von der Allee weg, ist noch ein kleiner Trakt angefügt, der ebenfalls zweigeschossig ist, aber ein niedrigeres Dach hat. Ein kurzer Blick also genügt, abzulesen, daß hier zwei kleine offene Säle aufeinandergesetzt und rückwärtig um Küchen- und Wirtschaftsräume ergänzt wurden.

Erstaunlich ist der völlige Verzicht auf Zierformen. Die Stützen könnten ohne weiteres als Säulen ausgeführt sein, sind aber frei von Kapitellen. Die Fenster haben Rahmen aus Sandstein und grüne Fensterläden, mehr nicht. Angesichts solcher Schlichtheit und die Konstruktionsprinzipien offenlegender Klarheit, scheint es falsch, das Lusthaus mit Stilbezeichnungen wie Barock oder Klassizismus belegen zu wollen. Sein Name aber ist angemessen, denn es ist eben nicht mehr als ein Haus, das sich mit nichts dem Lustwandeln seiner Besucher in den Weg stellt, wodurch es umso passenderer Abschluß des Praters wird.

Im eigentlichen ist das Lusthaus die Fortentwicklung einer Gartenlaube. Die achteckige Form, das auf Stützen schwebende Dach, alles ist daher vertraut, wird hier aber durch die Vergrößerung der Dimensionen und die Einfügung der beiden Säle zu etwas ganz Neuem. Vielleicht erklärt diese Herkunft aus der Gartenlaube auch, wieso das Lusthaus so bemerkenswert frei von den Architekturdoktrinen seiner oder anderer Zeiten ist. Man könnte in ihm den Beginn einer anderen Traditionslinie der Wiener Architektur sehen, die über Otto Wagner und Adolf Loos bis zu den besten Ensembles der Sechziger und Siebziger führt und der vorherrschenden dekorativen Traditionslinie von Jugendstil und Hundertwasser direkt entgegengesetzt ist. Oder man kann sich daran freuen, daß das Restaurant in diesem schönen Gebäude so beliebt ist.

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Ein Gedanke zu „Lusthaus

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