Zamość-Stare Miasto

Berühmt ist Zamość nicht für seine Altstadt, auch nicht für deren Marktplatz, sondern für ein einziges Gebäude auf diesem: das Rathaus. Schon deshalb sollte jede Beschreibung dieser ungewöhnlichen ostpolnischen Stadt mit diesem beginnen, aber keinesfalls enden.

Alles an diesem Gebäude zieht den Blick des Betrachters und beinahe diesen selbst in die Mitte und in die Höhe. Weit vorgesetzt steht eine große Treppe als Empfang und Umarmung, die einen zärtlich emporhebt. Geschwungene Treppenteile auf beiden Seiten führen auf einen noch weit vor dem Gebäude stehenden und von je zwei niedrigeren Rundbögen um einen höheren Rundbogen getragenen Mittelteil, der aus zwei zur Mitte aufeinanderzuführenden Treppen und einer Ebene auf der Höhe des ersten Obergeschosses besteht. Erst von dieser schließt dann eine Brücke an das Gebäude an. Es hat dort seinen Eingang, aber der wird fast unwichtig, da ihn wie auch das höhere und niedrigere Fenster der beiden weiteren Obergeschosse mächtige Stützen, deren Außenseiten sich nach oben hin stark verjüngen, rahmen. Von der Treppe angeleitet folgt der Blick den Linien der Gebäudemitte, um zum nicht nahtlos, aber äußerst harmonisch anschließenden Turm zu gelangen. Achteckig, mit Uhren zu vier Seiten und Pilastern an den Ecken, beginnend, setzt er sich nach einem leicht vorkragenden umlaufenden Balkon wiederum achteckig, aber fast unmerklich schmaler und mit rundbögigen Öffnungen zu vier Seiten fort. Die hohe kupferne Haube nimmt den Rhythmus des Turms wieder auf, verbreitert sich kissenartig, öffnet sich als Laterne, um endlich in einer goldenen Kugel mit Spitze zu enden.

Aus Polen, Leipzig 1969

Aus Polen, Leipzig 1969

Dieser schlanke, aufstrebende Mittelteil des Rathauses wirkt wie eine Rakete, die nur darauf wartet, sich von der Treppe, ihrer Startrampe, zu lösen und in den Himmel über Zamość zu steigen. Der übrige, man muß sich in Erinnerung rufen: der eigentliche, Teil des Gebäudes scheint dadurch wie eine Stützvorrichtung, die ihn zur Freude jedes Betrachters auf der Erde hält. Auch er besteht aus zwei höheren Geschossen mit Fenstern und einem niedrigeren, bei dem die Fenster nurmehr durch Rahmen angedeutet sind, wobei die beiden oberen von diesen etwas niedriger als die entsprechenden Geschosse des Mittelteils angeordnet sind. Auch hier herrscht eine streng vertikale Gliederung. Zwischen den Fenstern sind Pilasterpaare und Nischen mit muschelförmigen Abschlüssen. Während die Linien der Fenster auf dem Dach mit gebrochenen Giebeln enden, sind die Linien der Pilasterpaare dort mit steinernen Amphoren und an den vier Ecken mit kleinen kupfernen Hauben abgeschlossen. Die Pilaster und Amphoren, die Stützen und die Treppe sind in einem blassen Weiß gehalten, die übrigen Flächen aber in einem eigentümlichen Lila, das man mit etwas Glück in der Brust einiger weniger der Tauben auf dem Marktplatz wiederfinden kann. Wurden die Geschosse des Rathauses hier beschrieben, als schwebten sie in der Luft, so stehen sie eigentlich auf rundbögigen Arkaden, vielleicht auch einer früheren einzigen Säulenhalle, die so hoch sind wie die Treppe. Und tatsächlich ist es auch diesen Arkaden zu verdanken, daß das Rathaus trotz seiner Vertikalität nichts Machtvolles oder Drohendes hat, sondern wirklich zu schweben scheint. Noch entscheidender dafür aber ist die Treppe, die einladend und horizontal zwischen dem Betrachter und der Vertikalität vermittelt, so daß diese ihn nicht hinabdrückt, sondern hinaufhebt. Das ist eine seltene Leistung und Zamość‘ Rathaus hat all seinen Ruhm völlig verdient.

Obwohl das Rathaus auch großartig wäre, wenn es so isoliert wäre, wie es hier erschien, ist wichtig, daß es Teil eines größeren Ganzen, des Rynek Wielki (Großen Markts) und der Stare Miasto (Altstadt), von Zamość ist. Der Platz ist ein perfektes Quadrat, hundert Meter auf hundert Meter, umgeben von meist dreigeschossigen Wohnhäusern mit Arkaden. Einige haben verzierte Renaissancegiebel, einige Skulpturen in Nischen, aber insgesamt wirken sie eher schlicht und gleichförmig. Das Rathaus nimmt die westliche Hälfte der Nordseite des Platzes ein, fügt sich seinen Dimensionen aber nicht völlig. Nicht nur ist es bei gleichem Aufbau aus Arkaden und Obergeschossen viel größer als die Häuser des Platzes, es ist auch mit seinem gesamten Baukörper und noch mehr mit seiner Treppe viel weiter in dessen Raum hineingesetzt.

Der Platz ist zwar das Herz der Altstadt von Zamość, aber diese ist dennoch nicht um ihn herum aufgebaut. Zamość ist vielmehr als eine Ost-West-Achse angelegt, von der der Platz bloß ein Teil ist. Erkennbar ist das schon daran, daß in der Mitte eine breite und an der Nord- und Südseite zwei kleinere Straßen von Osten nach Westen durch den Platz führen. Das erklärt auch die gleichsam marginale Lage des Rathauses. Es ist nicht im Zentrum von irgendetwas, keine Achse auch führt direkt darauf zu. Vielleicht war das eine Art Vorsichtsmaßnahme, vielleicht wäre das Rathaus einfach zu stark, würde den Betrachter zu sehr fesseln, wenn es Höhepunkt einer Achse wäre. Dies nun könnte schwerlich im Sinne des Gründers von Zamość, Jan Zamoyski, gewesen sein. Man muß wissen und es ist auch offensichtlich, daß Zamość keine Bürgerstadt, sondern eine Residenzstadt ist. Jan Zamoyski, Oberhaupt einer großen Szlachta-Familie (Szlachta meint den polnischen Adel), gründete sie 1580 und ließ sie von italienischen Architekten, vor allem von Bernardo Morando, erbauen.

Die mittlere Straße ist die zentrale Achse der Stadt, die aus dem größeren Ostteil über den Rynek und durch den kleineren Westteil auf einen Platz ganz anderer Art führt. Während der Rynek klar umgrenzt und zweckmäßig ist, ist dieser Platz diffus und verschwenderisch großzügig: es ist der Vorplatz des Schlosses. Links, an der Südseite, steht eine große Kirche, deren Turm in italienischer Manier weit vorgesetzt ist und frei steht, ein Campanile. Vom Sockel des Turms schwingen sich Volutengiebel zu seinem Schaft, aber vor dem Ansatz der Haube wird er von Dreiecksgiebeln gleichsam ausgebremst. Weder Turm noch Kirche kommen der aufstrebenden Eleganz des Rathauses auch nur nahe. Beide, die Kirche als Repräsentantin der Macht des Klerus wie das Rathaus als Repräsentant der Macht des Bürgertums, sind aber der herrschaftlichen Achse neben-, untergeordnet. Diese Achse endet mit dem Schloß der Familie Zamoyski. Damit ist sie heute gänzlich wirkungslos, ein Antiklimax, denn das heutige Schloß, ein großer und langer dreigeschossiger Bau mit ausladenden niedrigeren Seitenflügeln, in dem ein Gericht untergebracht ist, wirkt wenig repräsentativ oder prachtvoll, sondern im Gegenteil bloß langweilig. Auf dem Platz, genau in der Achse, steht heute ein großes Reiterdenkmal Jan Zamoyskis, aber er wäre wohl nicht sehr glücklich, wenn er wüßte, daß nicht mehr sein Schloß, sondern das Rathaus der Ruhm Zamość‘, seiner Stadt, ist.

Beinahe effektvoller und in ihrer Intimität ohnedies schöner, sind heute kleinere Achsen. So blickt man durch die nördliche der durch den Platz führenden Straßen auf die Seite des Rathausturms, durch die südliche auf den Campanile und durch die nächste Straße auf den Giebel der Kirche. Immer aber strebt alles von Osten nach Westen. Die Straße, die den Rynek in Nord-Süd-Richtung kreuzt, ist zwar nicht weniger breit als die Hauptachse, aber sie führt auf nichts zu, sie dient nur der Verbindung mit zwei kleineren Plätzen, Rynek Solny (Salzmarkt) und Rynek Wodny (Wassermarkt). In Harmonie und Klarheit reichen sie nicht an den Rynek Wielki heran, am reizvollsten ist noch, daß das Rathaus dem nördlich gelegenen Rynek Solny seine zweite Seite zuwendet und so, denkt man sich den niedrigeren klassizistischen Gefängnisanbau weg, seine perfekte Allansichtigkeit präsentiert. Verstreut in der Stadt gibt es auch noch die Akademia Zamojska (die vierte in Polen gegründete Universität), einige weitere Kirchen, von denen auffallenderweise nur noch eine einen Turm hat, und eine Synagoge, die sich von den Kirchen vor allem dadurch unterscheidet, daß sie nicht freisteht. Wo heute das Hotel Renesans, ein eher langweiliger Bau aus PRL-Zeiten (Polska Rzeczpospolita Ludowa, Polnische Volksrepublik) mit hübschem Garten, steht, gab es bis ins 19. Jahrhundert eine armenische Kirche. Noch heute heißt die nördlich durch den Platz führende Straße Ulica Ormiańska (Armenische Straße).

Das nun, daß Jan Zamoyski italienische und deutsche Bauleute, jüdische und armenische Händler und wer weiß wen noch in seine neue Stadt einlud, macht Zamość besonders faszinierend. In den Straßen der Stare Miasto geht man also nicht nur zwischen den steinernen Zeugen eines Versuchs der späten Renaissance, eine ideale Stadt zu bauen, sondern ahnt darin auch eine, selbstverständlich immer der Feudalherrschaft untergeordnete, Bemühung um eine neue Gesellschaft. Von dieser ist so wenig geblieben wie von der Herrschaft der Zamoyskich, aber die Schönheit von Zamość‘ Altstadt, ihrem Platz, seinem Rathaus bleibt.

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2 Gedanken zu „Zamość-Stare Miasto

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