Neues in der Herrengasse

Um Adolf Loos‘ Haus am Michaelerplatz in Wiens Innerer Stadt drehte sich einer der großen Skandale der Architekturgeschichte oder jedenfalls einer der bekanntesten. Überall kann man lesen: das Gebäude, Sitz des Luxusherrenaustatters „Goldman & Salatsch“, sei so radikal schmucklos gewesen und habe das konservative Wien des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts so sehr schockiert.

Wenn man das Haus aber heute, mit über einem Jahrhundert Abstand, betrachtet, fällt es äußerst schwer, die damalige Aufregung zu verstehen.

Aus Thiel, Erika: Kunstfibel, Berlin 1968

Aus Thiel, Erika: Kunstfibel, Berlin 1968

Es nimmt eine kleine Seite des unregelmäßig geformten Platzes und kleine Teile zweier zu ihm hinführender Straßen ein. Der Sockel zwei-, zweieinhalbgeschossig und mit grün-graugemasertem Stein verkleidete, aus dem auch die dorischen Säulen vor dem Eingang und um die trapezförmig zurückgesetzten Fenster an den Seiten sind. Darauf vier Geschosse mit regelmäßigen vertikalen Fenstern zwischen weißem Putz und schließlich ein kupfernes Walmdach. Nichts daran scheint besonders neu oder radikal. Auch der Bezug zum umliegenden städtischen Raum scheint völlig gegeben. Die Säulen beziehen sich auf jene in den Obergeschossen des Michaelertrakts der Hofburg, der Ende des 19. Jahrhunderts nach barocken Plänen errichtet worden war. Die Anordnung der Fenster entspricht ganz jener der barocken oder historistischen Gebäude um den Platz. Aber was für den Skandal sorgte, war die völlige Schmucklosigkeit der Obergeschosse. In der Tat war das etwas Neues, Fenster, die einfach nur Öffnungen in der Wand waren, hatte es in Europa seit dem Mittelalter nicht mehr gegeben. Aber ist nicht die Schmucklosigkeit der Wände beidseits des schmalen pilastergeschmückten Mittelteils der Michaelerkirche radikaler?

Michaelerkirche

Immerhin ist dort nicht mehr als eine weiße Wand und je ein rundes Fenster! Aber die barocke Klarheit war man gewöhnt, die von Loos‘ Bau, oder besser eines kleinen Teils desselben, nicht.

Man kann sich den Skandal nur so erklären: die überbordende Liebe zum Ornament, es war die Hochzeit des Jugendstils, verstellte den Blick dafür, daß das Haus am Michaelerplatz ein durchaus konservatives Gebäude ist. Loos und seinen Befürwortern war das sicher auch ganz recht und so haftet dem Gebäude seitdem ein reichlich unverdienter Ruf der Radikalität an. Heute jedoch sieht man den konservativen Charakter umso deutlicher, fast schmerzhaft deutlich. Diese kahle Fassade mit überkommener Fensterordnung hat man tausendmal gesehen bei Mietskasernen, denen ihre Ornamente abgeschliffen wurden und die ihre Nichtigkeit so noch klarer offenbaren. Und das ist noch die positivere Assoziation. Die schlimmere: diese Verbindung von steinverkleidetem säulengetragenen Sockel und fensterlöchrigen Obergeschossen kennt man von der reaktionären Architektur, mit der seit den Neunzigern Berlin verunstaltet wird. Wenn Loos mit diesem Gebäude eine Zukunft baute, dann keine gute. Jedenfalls ist seine Bedeutung für die Architektur am Haus am Michaelerplatz und seinem Skandal nicht abzulesen.

Ganz in der Nähe gibt es ein weit unbekannteres und weit bemerkenswerteres Gebäude. Es entstand mehr als zwanzig Jahre später, in einer ganz anderen Zeit mithin, dennoch lohnt sich der Vergleich mit Loos‘ Gebäude.

HochhausHerrengasse

In der Herrengasse schließt es direkt daran an und nimmt dann die nächste Ecke des unregelmäßigen Altstadtblocks ein. Auch hier gibt es einen zweigeschossigen Sockel, der aber nur halb so hoch ist wie bei Loos und ganz aus Glas und glatter schwarzer Verkleidung besteht. Nach einem dünnen Kupferband folgen die Obergeschosse, die zwischen den weißen Wandflächen durch geschoßhohe Fenster vertikal gegliedert sind, und die ein leicht überstehendes Flachdach abschließt. Anders als bei Loos also ein völliger Bruch mit der umliegenden Bebauung. Der größte Unterschied aber ist die Eingangssituation. Während er bei Loos in konventioneller Monumentalität mit Säulen betont ist, wird er hier auf eine dezente Art zugleich unsichtbar gemacht und markiert. Er befindet sich an der Ecke Herrengasse/Fahnengasse, aber nur das zweite Sockelgeschoß schließt diese Ecke wie es wohl die Vorgängerbauten taten. Das Erdgeschoß ist offen und darin ein runder gänzlich verglaster Raum mit einer Bar. Der obere Gebäudeteil, der an Herren- und Fahnengasse einschließlich Sockel acht Geschosse hoch ist, endet ein Stück vor der Ecke. An ihre bloßen Seitenwände schließt ein nun elfgeschossiger Trakt, der wirkt, als sei er aus der Ecke herausgeschnitten und zurückgeschoben, an. Zu den vertikalen Fenstern kommt hier eine völlig in Glas aufgelöste Ecke. Und auf diesem Trakt sitzen in zurückspringenden Terrassenstufen noch ein zwölftes, dreizehntes, gar vierzehntes Geschoß und noch darauf als transparenter Raum ein fünfzehntes. Nicht zu Unrecht nennt sich das Gebäude ein Hochhaus. Die Ecke Fahnengasse/Wallnergasse ist mit dem achtgeschossigen Trakt weniger markant. Das Gebäude schließt hier siebengeschossig, das oberste zurückgesetzt, an die ältere Bebauung an.

Für die frühen Dreißiger ist dieses Hochhaus keineswegs mehr revolutionär. Die trotz des sehr horizontal wirkenden Sockels gegebene Betonung der Vertikalität und das überstehende Dach sind eher konservative Aspekte, im nahen tschechoslowakischen Brno wurde zur gleichen Zeit weit Großartigeres und Fortschrittlicheres gebaut. Auch ist die Höhe des Gebäudes in der Enge der Inneren Stadt kaum erlebbar. Aber anders als Loos’ Haus am Michaelerplatz weist es schon zaghaft in eine Zukunft, in der Grundstücke nicht mehr bis aufs Letzte ausgenützt werden müssen und Gebäude in den Himmel wachsen dürfen. Seine reichsten Bewohner verspürten auf ihren Dachterrassen sicher einen Hauch von New York, aber ihr Gebäude, wie auch New York selbst, umwehte unweigerlich schon ein Hauch von Moskau. Und der ist am Michaelerplatz noch fern.

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3 Gedanken zu „Neues in der Herrengasse

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