Zwei Brücken am Donaukanal

Die erste der beiden Brücken, die Gürtelbrücke, ist nicht mehr als eine der vielen Straßenbrücken und Autobahnzubringer, von denen es am nördlichen Donaukanal so viele gibt. Sie will und muß auch nicht mehr sein und wird gerade dadurch etwas Besonderes. Wie bei jeder Brücke, die ihre Funktion über alles stellt, sind das Bemerkenswerte ihre Pfeiler: es sind lange Betonklötze, deren Seitenflächen die eines auf der Spitze stehenden Dreiecks haben. Wo sie an die weit überstehende Fahrbahn anschließen, bildet sich ein mehrfach abgeschrägter Betonkörper, der an den Ansatz eines Gewölbes denken läßt.

Gürtelbrücke

Alles Massive und Schwere, was die Brücke durch den Unterbau der Fahrbahn und die Pfeiler bekommt, wird in Leichtigkeit verwandelt dadurch, daß letztere nur mit einer so kleinen Fläche auf dem Boden aufsitzen.

Und noch leichter, beinahe schwebend wird alles durch die Treppe, die hinauf zur Fahrbahn führt. Sie scheint erst eine Spirale bilden zu wollen, unterbricht sich aber mitten in der Luft plötzlich und steigt in verändertem, steileren Schwung bis zu ihrer einen schmalen runden Stützt auf, wo sie sich dann, als habe sie sich erst jetzt entschlossen, als fast konventionelle gerade Treppe zur Fahrbahn hinwendet.

TreppeGürtelbrücke

Die geschwungenen Formen der Treppe stehen in starkem Kontrast zur Eckigkeit von Pfeilern und Fahrbahn. Es ist, als habe sich die Brücke in dieser Treppe ein verspieltes Accessoire geleistet, das ihr auch ausgezeichnet steht, und, wie jedes gute Accessoire, ihre eigentliche Form ergänzt, ohne aber von ihr abzulenken.

Nur ein kleines Stück weiter ist die Spittelauer Brücke. Sie ist in jeder Hinsicht auffälliger und aufwendiger, wie will ganz offenkundig mehr, als nur Autos und U-Bahnen über den Donaukanal zu bringen. Am Brigittenauer Ufer ragen hier zwei Betonpfeiler weit hinauf, von denen dann schwarze Stahlseile ausgehen, die die Fahrbahn auf der einen, den Gehweg auf der anderen Seite und den etwas tiefer liegenden Gleiskörper der danach im Tunnel verschwindenden U-Bahn dazwischen tragen. Das ist durchaus nicht schlecht, aber die Bildhaftigkeit der Brücke wirkt doch irgendwie verschwendet, da es in der Nähe keinen besonderen Ort, von dem man sie besonders gut sehen könnte, gibt und selbst wenn es einen gebe, der Schornstein der Hundertwasser-Müllverbrennungsanlage nebenan auffälliger wäre. Denkt man an Rotterdam, Ústí nad Labem oder ans nahe Bratislava, so sind nicht einfach irgendwelche, sondern DIE Brücken der Stadt, die, die an den exponiertesten Stellen stehen und das Stadtbild prägen, architektonisch besonders hervorgehoben. Hier am Donaukanal aber bleibt es der Brücke, die bildhaft sein will, bloß, ihre Funktion erfüllen während die Brücke, die nur funktional sein will, zu einer anderen, intimeren, nur dem Spaziergänger zugewandten Bildhaftigkeit findet. Daß beide Brücken sogar vom selben Ingenieur entworfen wurden, aber die Gürtelbrücke in den frühen Sechzigern und die Spittelauer Brücke in den frühen Neunzigern, bestätigt nur wieder, daß Individuen für Architektur viel weniger wichtig sind als Zeiten.

Auch die Spittelauer Brücke hat eine Treppe, die an ihrer Seite zur Fahrbahn hinaufführt. Sie ist eine regelmäßige Spirale, die aber an mehreren Stellen von runden Stützen getragen wird, so daß die eigentliche Form kaum mehr zu erkennen ist.

TreppeSpittelauerBrücke

Man hat das Gefühl, einem alternden Ballettänzer zuzusehen, der die waghalsigen Sprünge seiner Jugend wiederholen will, aber dafür Krücken benutzt und nurmehr schwerfällig wirkt. Und während man das bei einem echten Tänzer vielleicht noch rührend finden könnte, hier hat man die Jugend nur ein paar Schritte weiter in immerwährender Leichtigkeit konserviert, welche Entschuldigung also könnte es für das Alter geben?

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