Stalingrad

Einen der schönsten Orte in Paris erreicht man, wenn man an der Metrostation Stalingrad aussteigt. Dorthin fährt etwa die rosa Linie 7, deren Endstation angemessenerweise 8 Mai 1945 heißt. Ganz beiläufig erfährt man so schon etwas über die wirklich weltstädtische Pariser Eigenart, Plätze und Straßen auch nach geschichtlichen Ereignissen, Orten oder Persönlichkeiten, die nicht direkt mit Frankreich zu tun haben, zu benennen. Im provinziellen Berlin, wo nicht einmal Roosevelt oder Churchill eine Straße haben, wäre dergleichen undenkbar.

Der Place de la bataille de Stalingrad (Platz der Schlacht von Stalingrad) selbst ist eher klein und wenig klar definiert, wie das in Paris auch nicht selten ist, da eben so viele Ereignisse, Orte und Persönlichkeiten geehrt werden wollen und es nur so wenig wirkliche Plätze gibt. Markantestes Gebäude ist hier die Rotonde de la Vilette, ein klassizistischer Rundbau mit aufs Schlichteste reduzierter Säulenordnung, Werk des Revolutionsarchitekten Claude Nicolas Ledoux.

Rotonde

Aus Thiel, Erika/Frick, Mechthild: Kunstfibel, Berlin 1989

Interessanter als der Platz ist das Bassin de la Vilette, ein sehr langes rechteckiges Wasserbecken, das an ihn anschließt. Ringsum vermischte bis zu zehngeschossige Bebauung, am anderen Ende Eigentümliches aus den Neunzigern, in der Mitte eine hohe eiserne Fußgängerbrücke. Zwei Orte lohnen in der näheren Umgebung einen Besuch. Der erste ist ein Flachbau links des Bassins, in dem ein Programmkino und ein Buchladen mit herausragend guter Comic- und DVD-Auswahl untergebracht sind. Der zweite ist, ein paar Straßen weiter an der Avenue de Flandres die beeindruckende Wohnanlage Orgues de Flandres. Zur Straße hin fünfzehngeschossige Gebäude, deren oberste Geschosse in umgedrehten Terrassenstufen weit überhängen. Dazwischen eine gar nicht breite, fast torgleiche Öffnung in einen ebenfalls nicht großen begrünten Hofbereich. Und dahinter erheben sich vier Wohnhochhäuser, die zwischen 25 und 38 Geschosse hoch sind. Ihre Formen sind sehr bewegt und vielfach gestuft, Wendeltreppen gleich schrauben sie sich empor.

Aber vor allem ist das Ufer des Bassin de la Vilette ein schöner Ort, einen entspannten Sommerabend zu verbringen. Wenn man dort sitzt, zusieht, wie Leute ferngesteuerte Boote auf dem Wasser fahren lassen und in der Nähe das gute Kino und das höchste Wohnhochhaus der Stadt weiß, kann man sich gewiß sein, ein anderes, neueres Paris gefunden zu haben, in dem einem niemand einen Schlüsselanhänger in Form des Eiffelturms verkaufen wollen wird.

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Ein Gedanke zu „Stalingrad

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