Pod dębem

Polen – das ist von Zittau, einer Kleinstadt im äußersten Osten Sachsens, aus gesehen vor allem ein kleines Stück Landstraße, vielleicht einen Kilometer lang, zwischen der Neißebrücke hinter dem ehemaligen Grenzübergang Friedenstraße und dem ehemaligen Grenzübergang zwischen Polen und Tschechien. Die Formulierungen, die man damit am häufigsten verbunden hört, sind „Kippen holen in Polen“, „tanken in Polen“ oder allgemeiner „an die Tanke in Polen“. Diese Landstraße  funktioniert für Zittau im eigentlichen auf amerikanische Art: es ist eine auf den Autoverkehr ausgerichtete Einkaufsstraße mit in mittelgroßem Abstand zueinander liegenden Ladeneinheiten.

Nördlich von ihr liegt hinter Feldern das Dörfchen Porajów, bis zur Schaffung der Friedensgrenze der Zittauer Vorort Groß-Poritsch und bekannt für Kasernen, ein Kriegsgefangenenlager im ersten und ein KZ-Außenlager im zweiten Weltkrieg, heute ausgezeichnet durch seine große moderne Kirche und dadurch, daß der Zug nach Liberec hindurchfährt, aber nicht hält. Südlich von ihr ist ein verwildertes Wald- und Wiesengewirr zur Nysa hin.

Aber all das betrifft den deutschen Kunden der polnischen Läden nicht, für ihn gibt es nur die Landstraße. Gleich hinter der Grenze, wie alle Bebauung links der Straße, ist die Horex- oder die rote Tankstelle, etwas abseits flankiert von einer grünen Bude mit Friseur und Wechselstube. Für denjenigen, der zu Fuß unterwegs ist, endet Polen mit dieser ersten Tanke auch schon wieder, denn Zigaretten oder auch Bier und Wódka bekommt er hier. Das weitere betrifft nur noch den Autofahrer, der auch die eigentliche Zielgruppe ist. Ein Stück weiter folgt, von der Straße durch eine Schotterfläche abgesetzt, eine lange Reihe von Buden, simpelste Version einer amerikanischen strip mall, in denen Korbmöbel und anderes, vor allem aber Zigaretten, verkauft werden. Dann folgt eine weitere, nun, Tankstelle, die aber die älteste sein könnte, vielleicht in den Wild-West-Tagen nach dem Anschluß oder nach der Schaffung des Grenzübergangs von einem findigen örtlichen Unternehmer eröffnet. Noch immer scheint sie, weit von der Straße zurückgesetzt und umgeben von Felder, ein von einem Tanklaster auf einem künstlichen Hügel dominiertes Provisorium.

Früher war auf der rechten Seite noch eine gelbe AP-Tankstelle, doch von der ist nichts mehr übrig, so daß man sich getrost auf die linke Seite konzentrieren kann. Hier folgt nun der jüngste Teil der Einkaufstraße. Zuerst eine blaue Aral-Tankstelle. Der, nicht abwegige, Gedanke war wohl, daß die deutschen Kunden bei einer ihnen vertrauten Marke bereitwilliger tanken würden, doch das wurde durch ein Werbeplakat in unsäglichem Deutsch sogleich konterkariert. Dann eine Art kleines Einkaufszentrum.

Biedronka

Noch lange nachdem die Tankstelle eröffnet war, stand es als Rohbau, dann halbausgebaut da, ein höhergeführter geschwungener Teil zwischen Flachbauten, so daß man nur rätseln konnte, was es einmal werden könnte. Erst im Sommer 2013 wurde es eröffnet. In der linken Hälfte öffnet sich das Waltz Cafe mit einer Terrasse nach außen, „najlepsza restauracja w regionie“, „bestes Restaurant in der Region“, will es sein. Tritt man durch den verglasten Eingang des Mittelteil ein, so steht man in einem hohen und geräumigen Gang, der oben von runden Fenstern beleuchtet wird. Noch wirkt er etwas kahl, doch für den Kunden geht es ohnehin nur um den Biedronka-Supermarkt, der sich nach rechts öffnet und die kleinen Kleiderläden, die auf das Restaurant und eine Wechselstube folgend links angeordnet sind.

Schon am Eröffnungssonntag war der Biedronka gut besucht. Junge polnische Mädchen waren aus Porajów gekommen, ein älteres deutsches Paar rechnete sich Złoty-Preise in Euro um, die meisten waren vielleicht weniger zum Einkaufen als aus Neugier auf die neue Einkaufsmöglichkeit hier. Obwohl die meisten Besucher noch aus Polen waren, war das Einkaufszentrum bereits klar das Herz dieser Straße. Auch konnte man schon spüren, daß es sich zu einem wahren Zentrum der Gegend am Dreiländereck entwickeln könnte. Wo sonst als hier sollte diese disparate, zu drei Ländern gehörende Region auch zusammenwachsen? Denn so lobenswert alle Kultur- und Sprachprojekte auch sind: wo die Menschen sich wirklich begegnen, das ist beim Einkaufen, in Restaurants, in Cafés. Hier, wo Tschechen aus Hrádek, Polen aus Porajów und Deutsche aus Zittau es mit dem Auto genauso nah haben, da werden sie sich begegnen. Kultur, die nicht bloß elitär sein will, sollte an diesen Ort, der ja nur fünf Minuten vom Dreiländereck entfernt liegt, anknüpfen. Was spräche etwa dagegen, an dieser so amerikanischen Straße in der Mitte Europas, ein Kulturzentrum als Drive-In zu schaffen?

Doch bis dahin bleibt das Einkaufszentrum. Dieses und die Tankstelle teilen sich eine Einfahrt und sind verbunden durch eine große gepflasterte Parkplatzfläche. Sie wäre bloß kahl und nicht der Rede wert, wenn nicht, etwa dort, wo man entweder zur Tankstelle oder zum Einkaufszentrum abbiegt, umgeben von einem kleinen unregelmäßig geformten Beet, eine einzelne Eiche stände.

Baum

Sie stand da auch früher schon, groß, aber nicht so groß wie all die Eichen, die die Landstraße zur Allee machen, ihre Vorfahren, und entsprechend unbeachtet. Jetzt aber, inmitten des grauen Pflasters zum Kleinod geworden, ist sie es, die diesem sonst ganz banalen Einkaufskomplex Charakter und Einzigartigkeit gibt. Die Subtilität eines ungenannten Planers – oder Planungsprozesses? – , die sie dort beließ, ist zu beglückwünschen. Unwillkürlich denkt man daran, daß die erwähnten Buden sich auf einem naiv handgemalten Schild „Unter der Eiche“ nennen, obwohl nicht klar ist, welche der Alleeichen gemeint ist und man nur vermuten kann, daß der Schreiber den Dativ Plural nicht zu bilden wußte – und die Klugheit besaß, es auch nicht zu versuchen. Für dieses Ensemble aus Tankstelle, Einkaufszentrum und Baum wäre dieser Name jedoch passend. Mag sein, daß irgendwann die Wurzeln des Baums das Pflaster zu schädigen beginnen werden und er doch noch gefällt werden wird, für den Moment aber kann man die Aral-Eiche getrost noch vor der Napoleonslinde auf dem Weg ins Zittauer Gebirge oder der majestätischen Platane am Zittauer Stadtring, die sich im Vorfrühling stadtführerbekannt mit einer Krokuswiese umgibt, den schönsten Baum der Gegend des Dreiländerecks zu nennen. Während die Eichenallee, die sich auch in Tschechien fortsetzt, vielleicht ein gärtnerischer Ausdruck des Bündnisses zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn aus dem frühen 20. Jahrhundert, also Ausdruck reaktionärster Politik, ist, hat diese einzelne Eiche etwas Progressives, Polnisches an sich.

Nach der abzweigenden Straße nach Kopaczów folgt noch die gelbe AP-Tankstelle. Man könnte meinen, daß seien zu viele Tankstellen für ein so kleines Stück Straße, aber man irrte sich vielleicht, denn die Kriterien, nach denen die deutschen Kunden ihre Tankstellen wählen, sind unergründlich Manche überzeugt die Nähe der Horex, manche der Name der Aral, manche die teilweise deutschen Kassiererinnen der AP, manche noch etwas anderes und sogar die Tankstellen in Zittau haben Kunden, unter anderem wegen des Vorurteils gegen „polnisches“ Benzin. Danach nichts mehr, die Straße wird dunkler zwischen Wald auf beiden Seiten und steigt zur tschechischen Grenze hin leicht an. Nur in den Sommermonaten gibt es hier neben einer unidentifizierbaren Backsteinruine noch einen Stand mit Obst und Gemüse.

Tschechien empfing Anfang 2014 mit einem großen McDonald’s-Schild, das aber bloß auf einen im 25 Kilometer entfernten Liberec angesiedelten hinweist. Doch auf der Einkaufsstraße in Polen ist noch viel Platz, wer weiß, was noch alles kommt.

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