Kraftwerk Simmering

Den vielleicht besten Blick auf dieses Kraftwerk, das so markant in der Silhouette des Südostens Wiens steht, hat man vom Donaukanal. Der Weg an seinem östlichen Ufer hat hier schon lange aufgehört, einladende Promenade zu sein, und es erfordert vom Spaziergänger eine gewisse Großzügigkeit und Hartnäckigkeit, in den Reifenspuren in der Wiese neben der Autobahn überhaupt einen Weg zu erkennen.

Das Kraftwerk bietet sich einem in fast spiegelbildlicher Symmetrie dar: außen die beiden Schornsteine, deren unterer Teil bloßer grauer Beton und der obere, wo sie sich fast unmerklich verjüngen und dann wieder verbreitern, weiß und rot gestreift ist, dicht daneben, aber freistehend, die beiden dunkelgelb verkleideten Generatorenblöcke und davor viel nieder lange horizontale Blöcke in Braun, die sich in der Mitte fast, aber eben nur fast, berühren. Vom Ufer des Donaukanals nun wirkt es, als ob genau aus dieser Mitte, bloß durch weites Kraftwerkgelände und die Uferautobahn getrennt, ein Wasserfall entspringt, da genau hier ein Abwasserkanal endet und sein Wasser über eine Betonklippe als dünnen Vorhang in den Kanal ergießt. Die Symmetrie des Kraftwerks scheint von diesem Wasserfall vollendet zu werden.

Kraftwerk

Es ist einer der Fälle, wo man wirklich nicht weiß, ob man es nur mit einem schönen Zufall oder dem Tun einer planenden Hand zu tun hat. Falls letzteres, dann ist es aber das architektonische Äquivalent dessen, was man in Computerspielen Easter Egg nennt, ein kleines lustiges Detail, das sehr versteckt für eine kleine Schar Eingeweihter eingebaut wurde, ein verschworenes Augenzwinkern, ein geheimer Handschlag des Architekten für die wenigen, die seine Schöpfung völlig verstehen.

Denn es gibt eben kein Publikum für diesen Blick. Die Zahl der pro Tag dieses unwirtliche Stück Donaukanal passierenden Spaziergänger dürfte an ein paar Fingern abzuzählen sein, die Autos auf der Autobahn sind zu schnell oder von dem hübschen Kunstwerk auf der Lärmschutzwand auf ihrer anderen Seite, das in vom Daumenkino bekannter Abfolge die Bewegungen eines Pferds mit Jockey zeigt, abgelenkt, und auch Boote kommen nicht gar so viele vorbei. Aber wie dem auch sei, real ist der Blick und ihn zu entdecken gehört zu den kleinen Höhepunkten eines Spaziergangs entlang des Donaukanals.

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