Kielce, von seinem Bahnhof aus gesehen

(siehe auch Kielce, von seinem Busbahnhof aus gesehen)

Ob man einen Bahnhof als Einladung in eine Stadt erleben kann, hängt sicher vom individuellen Geschmack ab. Der von Kielce, einer mittelgroßen Stadt im Osten von Polen, ist es schon dadurch, daß er sich der Stadt nicht in den Weg stellt,  daß er sich völlig zurücknimmt, daß er nur eine transparente Membran zwischen Bahnsteigen und Stadt ist. Vom Zug aus erfaßt man ihn nicht vollständig, man muß das auch nicht nicht, aber man sieht doch die rechteckige Halle, deren Breitseiten völlig verglast sind.

Bahnhof

Man betritt sie durch eine einzige breite Unterführung, von der zwei Treppen nach oben führen. Sie wirkt erst einmal kleiner als erwartet, da nur in Mitte ein offener Bereich mit Bänken ist, während den übrigen Bereich eine Galerie überspannt, unter der sich links Schalter und rechts ein Restaurant befinden. Auch die Farben, viel grauweißer glatter Stein, wirken etwas steril, da sie keinen Kontrast zum von außen einfallenden Licht bilden. Doch vielleicht ist es ein Fehler, das Innere dieses Bahnhofs auch nur zu beschreiben. Spätestens, wenn man eine der Treppen, die über denn Treppen zur Unterführung auf die Galerie führen, hinaufgegangen ist, begreift man, daß hier alles nach außen ausgerichtet ist. Zur einen Seiten hat man einen perfekten Blick über die Bahnsteige, zur anderen blickt man auf die Stadt.

Der Bahnhofsvorplatz ist enttäuschend, aber dafür hat man direkt vor sich eine sehr lange gerade Straße, die erst ein wenig abfällt und dann umso mehr ansteigt. Es ist nur ein weiterer Ausdruck der Bescheidenheit und Zurückhaltung des Bahnhofs von Kielce, daß er einen nicht zur Beschäftigung mit seinem banalen Vorplatz anhält, sondern einen durch die Unterführung direkt auf diese lange Straße geleitet.

Diese Straße ist Kielce so sehr wie nur selten eine einzige Straße eine ganze Stadt ist. Dabei ist sie keineswegs besonders breit und ihrer Bebauung, Vermischtes aus kapitalistischer Zeit, drei-, viergeschossig, keineswegs besonders interessant. Aber man muß bloß ihrem Verlauf, ungefähr von Westen nach Osten, folgen und ganz Kielce eröffnet sich einem.

An ihrer tiefsten Stelle kreuzt die Silnica, ein Flüßchen, fast nur ein Bach. Noch ein Stück weiter öffnet sich rechts eine Art Platz, über den man zu einem prachtvollen viertürmigen Renaissancebau auf einem Hügel blickt. Man will sich ihm nähern, doch er verbirgt sich hinter hohen Mauern, so daß man ihn immer mehr erahnt als wirklich sieht. Dafür gelangt man in einen hübschen Park am Ufer der Silnica. Wenn man hier zwischen Trauerweiden über einen Teich mit Fontäne hoch zu dem Gebäude schaut, erscheint es gar nicht mehr so wichtig.

Nähert man sich ihm von der anderen Seite, von oben, so muß man sich erst durch die Abgründe des polnischen Katholizismus kämpfen. So unangenehm es ist, hier von einem sogar gelungenen Denkmal für die Armia Krajowa bis zu einem bizarren für den Flugzeugabsturz von Smolensk alles auf einem Haufen zu finden, so befreiend ist es dann auch, nach dem Überqueren eines kahlen Platzes am Hang, auf dem irgendein Priester furchteinflößend steht, endlich zu dem Gebäude zu gelangen.

Sein Vorplatz ist von beiden Seiten von Arkaden umgeben, die wirken, als wollten sie die ursprünglich wohl gotische, heute barocke Kirche und den freistehenden Turm auf dem erwähnten Platz zangenartig umfassen. Man könnte darin ein Sinnbild des Konflikts zwischen geistlicher und weltlicher Macht sehen, jedoch: bei dem Gebäude handelt es sich um den Palast der Bischöfe von Kraków, denen Kielce gehörte. Dennoch ist seine Pracht gänzlich weltlich. Die Arkaden der Seitenflügel schwenken noch kurz Hauptfassade hin um, wo sie an die achteckigen, gar nicht einmal sehr hohen Türme mit offenen Hauben anschließen. Die Türme sehen fast frei, nur eine Mauer mit Durchgängen verbindet sie mit dem eigentlichen Bau. Es hat nur zwei hohe Geschosse unter einem hohen kupfernen Walmdach, in das einige giebelverzierte Dachgauben gesetzt sind. In der Mitte ein offenes Gewölbe mit drei runden Bögen und darüber die größeren Fenster eines Saals. Alle Fenster, auch die der Türme, haben gebrochene Giebel. Sonst sind Blumenbordüren unter dem Dachfirst und unter zwei Firsten der Türme sowie Obelisken über den Durchgängen zwischen Türmen und Gebäude die einzigen Zierelemente. Alles wirkt ruhig und ausgeglichen, alles scheint ganz auf den Maßstab des Betrachters abgestimmt, wodurch der zwischen 1637 und 1644 von italienischen Architekten errichtete Palast eine größere Nähe zur Renaissance als zum Barock verrät.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen - Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Geht man um das Gebäude herum, gelangt man in den Garten, der sich mit Mauern so rüde abschließt. Die Gartenfassade ist deutlich breiter, da das Gebäude hier direkt an die Türme anschließt. Ansonsten ist die Aufteilung identisch, bloß der Schmuck ist noch zurückhaltender; gebrochene Giebel haben hier nurmehr die Saalfenster. Ob der Hanglage ist hier unter dem Erdgeschoß noch eine Art Sockelgeschoß, so daß zu dem Gewölbe des Eingangs eine lange Freitreppe aus einem offenbar ortstypischen roten Sandstein führt.

Von dort hat man einen großartigen Blick über Kielce, aber eigenartig, einen besseren Überblick, ein besseres Gefühl für den Aufbau der Stadt, hat man, wenn man in dieser einen langen und geraden Straße steht. Von der Treppe des Bischofspalast erahnt man bloß ein älteres Kielce, das es glücklicherweise nicht mehr gibt, und man begreift den Bezug des Palasts zu einer Kirche auf einem Hügel in mittlerer Entfernung, außerhalb der Stadt. Und dadurch begreift man die Landschaft, begreift, daß man in den Góry Świętokrzyskie, Polens einzigem Mittelgebirge ist. Dessen Hauptstadt war und ist Kielce.

Vom alten Kielce ist außer dem Bischofspalast dankenswert wenig übrig. Zwar ziehen sich vom Hügel einige Gassen mit alten Häusern bis zum Rynek (Marktplatz) irgendwo links der langen Straße, doch all das ist völlig nichtig und keines zweiten Blicks würdig. Die lange Straße selbst mag einst eine Landstraße gewesen sein, ihre heutige Bedeutung bekam sie jedoch erst mit dem Kapitalismus. Anders als sonst so oft, glücklichen Zufällen wie der Lage der Bahnlinie geschuldet, hatte diese Straße Qualitäten, dank welcher sie auch der sozialistischen Stadtentwicklung dienen konnte.

Man muß sich bloß statt zum Schloß in die Querstraße links der langen Straße begeben, um sich davon zu überzeugen. An den Seiten die Gebäude der Universität, ein zehngeschossigen Hotelbau und anderes, doch der Blick und der Schritt gehen daran vorbei und auch über eine diffuse Brachfläche und eine große Straße hinweg auf einen Komplex von Verwaltungsbauten zu. Er lädt auch geradezu zu sich ein.

Verwaltung

Links ein neungeschossiger Bau mit einer ausgewogenen Fassade aus vertikalen Streben und schmalen horizontalen Brüstungen, der nach einem mittigen Knick mit vier verglasten Geschossen an einen ähnlichen sechsgeschossigen Bau anschließt, der sich quer dazu und nicht völlig gerade nach rechts erstreckt. Beim Eingang des höheren Baus steht eine Betonschale, die seitlich auf den Boden aufsetzt und mit einer Spitze zum Bau hin und mit der anderen von ihm weg zeigt. Diese fließende geschwungene Form steht inmitten der nüchternen Rechtwinkligkeit der Gebäude ganz unvermittelt, wie eine Skulptur, und erfüllt die praktische Funktion eines Vordachs doch gewiß perfekt. Nicht weit hinter dem Anschluß des höheren Baus hat der niedrigere eine von zwei Stützenpaaren getragene zwei Geschosse hohe Tordurchfahrt, um eine Straße durchzulassen. Weiter rechts noch erhebt sich dahinter ein etwa dreizehngeschossiges Bürohochhaus. Es ist ein recht typischer Bau, Wellblech an den Schmalseiten, schmale vertikale Metallstreben und Bänder aus Fenstern und gelber Verkleidung an den Breitseiten, wo auch noch etwas weniger hohe und breite Teile die Fassade rhythmisieren, aber als Teil des Ensembles wird es wertvoll und einzigartig.

Steht man davor und betrachtet die Qualitäten dieses Ensembles losgelöst vom Ort, begreift man seine Größe aber nur halb. Man muß sich umdrehen oder besser noch von der anderen Seite durch den Tordurchgang blicken, um zu bemerken, daß er in einer Linie mit dem Bischofspalast und in perfekter Sichtbeziehung zu diesem ist.

Blick

So erst wird klar, daß es sich nicht nur um ein in sich harmonisches Ensemble, sondern um eine städtebauliche Meisterleistung handelt. Dieser Verwaltungskomplex ist die Antwort des sozialistischen Kielce auf das der katholischen Bischöfe, eine Antwort ohne jegliche Aggression und voller Respekt. Gleichsam spiegelbildlich beidseits der langen geraden Straße finden sich in Kielce so schönste architektonische Ausdrücke des Neuen und des Alten, beide bereichert durch die Zwiesprache miteinander.

Links des höheren Baus, für den es ein Hinten und ein Vorne so wenig wie für den Bischofspalast gibt, schließt mit einem Gang verbunden noch ein zweigeschossiger Rundbau, dessen Obergeschoß mit Kuppel auf ausladenden Stützen weit über sein Untergeschoß ausragt, an. Am Hang unterhalb davon zieht sich ein Park bis zur Silnica hin. So schön wie der unterhalb des Bischofspalast ist der zwar nicht, auch nicht so groß, aber dafür ist er unmittelbar mit dem Gebäudeensemble verbunden und nicht durch eine Mauer getrennt.

Mit dieser querenden Achse von Palast und Verwaltungskomplex endet die lange gerade Straße aber noch lange nicht, überhaupt kann man das Gefühl bekommen, sie wolle gar nicht enden. Immer mehr Läden und Restaurants, so daß man man auch gar nicht zu sagen wüßte, welcher Teil der Straße am wichtigsten ist. Einmal verbreitert sie sich zu einer Art Platz, der ganz im stalinistischen Stil gebaut ist. Die vier Eckhäuser, die in der Höhe den übrigen der Straße entsprechen, haben an den Ecken Flächen, auf denen verschiedenen Persönlichkeiten, unter anderem dem in Kielce allgegenwärtigen Stefan Żeromski, Sgraffitti in langweiligem Stil gewidmet sind. Die beiden Gebäude, die die langen Seiten des Platzes bilden, sind höher und haben Formen, die man bei gutem Willen vom Bischofspalast inspiriert finden könnte. Einen wirklichen Gewinn oder eine qualitative Verbesserung stellt dieser kleine Platz somit nicht da.

Irgendwann, neben einer kleinen evangelischen Kirche rechts, deren beide Tempelfronten auf recht großzügige Grünanlagen zeigen, endet die Straße schließlich doch. An ihrem Ende steht, es war die Sienkiewicza, ein neues Denkmal für Sienkiewicz, das aus einer Säule und einer sitzenden Statue des Dichters besteht. Am schönsten daran ist die Inschrift „Quo vadis“, denn das fragt man sich, nachdem man so lange bloß der langen geraden Straße zu folgen hatte, um alles von Kielce zu sehen, fast zwangsläufig.

Eigentlicher Abschluß der Straße aber, etwas weiter hinten und links, ist das Kieleckie Centrum Kultury (Kielcer Kulturzentrum). Es steht dort, wo der Hang wieder abfällt, auf einer von rotem Sandstein und Beeten umfaßten Platzebene. Ein Bau, der am besten von seinem Dach aus beschrieben ist. In seiner Mitte ein großer Betonblock mit abgerundeten Ecke, an den zu beiden Seiten leicht abgestufte Elemente, die zu ihm hin Terrassen und von ihm weg wiederum abgerundeten Beton haben, anschließen. Das so gebildete dritte Geschoß sitzt wie schwebend auf zwei gänzlich verglasten, so daß eine gewisse Verwandtschaft zum Leipziger Gewandhaus zu erkennen ist. Von einem links vorgesetzen kleinen Treppenhausturm aus abgerundetem Beton geht ein auf Höhe des zweiten Geschosses verlaufender Balkon aus, der den fließenden Formen des Dachs sehr scharfe Ecken entgegensetzt. Weiter hinten auf dem Dach erhebt sich als weit geöffnetes Hufeisen mit abgerundeten Ecken der Bühnenaufbau. Die anderen Seiten des Kulturzentrums, die ob der Hanglage höher sind, zeigen sich fast abweisend als vielfach abgerundetes Massiv aus vertikalen Betonstreifen mit nur kleinen Fenstern. Während das als symbolischer Abschluß der Straße passend ist, ist es der Stadt gegenüber, die ja noch weitergeht, etwas unfair.

Kielce also ist diese Achse der einen so erstaunlich langen und geraden Straße, die für sich genommen bloß glückliches Produkt des Kapitalismus ist, aber durch zwei sozialistische Gebäude an ihren beiden Enden, Bahnhof und Kulturzentrum, ins Neue aufgehoben ist. Mit diesem Wissen kann man sie noch einmal in die andere Richtung gehen, um sie gänzlich auszukosten. Wenn man die Stadt weiter erkundet oder auf eine Karte schaut, wird man merken, daß die West-Ost-Achse der Straße von einer weiteren Achse, der Silnica nämlich, an der entlang ein Grünzug die Wohngebiete im Norden und Süden der Stadt erschließt, gekreuzt wird.

Am Ende der Straße sieht man zuerst Plattenbau hinter dem Bahnhof, doch je näher man kommt, desto klarer wird dessen transparenter Körper sichtbar, hinter dem der Plattenbau nur noch durchschimmert. Erst, wenn man sich dem Bahnhof so nach dem Besuch in Kielce wieder nähert, wird man ihn ganz zu schätzen wissen und ihm dankbar sein, daß er einen in die Stadt einlud. Beidseits der verglasten Halle werden Anbauten sichtbar, viergeschossig, die Fassade von vertikalen Streben bestimmt, doch vor allem mit nach außen hin ansteigenden Dächern, so daß sie wie Flügel wirken. Kielces Bahnhof könnte man so als höchst abstrakten Anklang an den polnischen Adler oder an das geflügelte Rad, das die PKP und andere Eisenbahngesellschaften noch lange als Logo benutzten, sehen, aber als Symbol seiner selbst ist er am schönsten. Zu schade, daß bloß noch zu erahnen ist, wie der Vorplatz einmal aussah.

So betritt man wieder die Unterführung, wo vielleicht jemand „Zawsze tam gdzie ty“ auf der Gitarre spielt, und merkt, daß sie nicht weniger als die Fortsetzung der langen geraden Straße in den Bahnhof hinein und über ihn hinaus ist. Wie alles in Kielce ist der Bahnhof kein isoliertes Kleinod, sondern Teil eines bemerkenswert wohlgeordneten und klaren Organismus. Er ist Kielces Verbindung zur Welt und kann einem, für eine Weile noch wenigstens, das Gefühl geben, daß alle Schienen, auf denen man in sie hineingetragen wird, eine Fortsetzung der langen und geraden Straße sind.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Kielce, von seinem Bahnhof aus gesehen

  1. Pingback: Kielce, von seinem Busbahnhof aus gesehen | In alten und neuen Städten

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.